Mit dem Ballon zum Nordpolarkreis (3)

Rentier und Elch, Snowmobil und Blaubeerpunsch, Jantelage und Joiken

Das Wetter meint es nicht immer gut mit uns: Es ist erst zu windig, dann wird die Sicht schlechter. Wir warten auf „richtiges“ Ballonwetter. Aber das macht nichts, denn wir sind neugierig, die Gegend und die Menschen hier oben, gefühlt am Ende der Welt, kennenzulernen.

Wir machen uns auf zu einer Rentierfarm und lernen Pavva und seinen Vater kennen. Ein Rentierjahr hat 8 Jahreszeiten, dem sich auch die Sami anpassen und mit der Herde weiterziehen. Da die letzen Winter allerdings sehr warm waren, fängt der Schnee stellenweise an zu schmelzen und wieder zu gefrieren und letztlich bildet sich unter dem Schnee eine Eisschicht, unter der die Rentiere nichts mehr zu essen finden können. Und so bleibt die Herde von Pavva in diesem Winter auf einer riesigen Farm und wird gefüttert.

Pavva treffen wir später noch einmal wieder. (Er ist übrigens ein echter Same. Die frühere Bezeichnung Lappe benutzt man heute nicht mehr, da sie als unhöflich gilt.)
Wir erfahren viel über das Leben der Ureinwohner hier oben, darüber, dass die Sami inzwischen von den Schweden anerkannt, aber immer noch nicht in ihrer Lebensweise vollständig respektiert werden; darüber, wie sich das Fischen und der Zug der Rentiere verändern, wenn beispielsweise Vattenfall die großen Flüsse aufstaut und der schwedische Holzeinschlag teils einem Kahlschlag ganzer Regionen gleicht. Erneuerbare Energien und nachwachsende Rohstoffe bedeuten anscheinend nicht gleichzeitig Einklang von Natur und Kultur. Wir können die Veränderungen mit eigenen Augen und ohne Mühe sehen. 😦

In einem kleinen „lebenden Museum“ kosten wir Elchfleisch und trinken Blaubeerpunsch. Unglaublich lecker :-D. Pavva joikt  für uns.
Joiken ist ein Gesang der Sami, der irgendwo zwischen Jodeln und indianischen Gesängen angesiedelt ist. Die jungen Sami lernen diese uralte Tradition wieder, während die alten Sami sich teils immer noch schämen zu joiken, war es doch viele Jahre verboten, die eigenen Lieder zu singen, Traditionen und Bräuche zu leben. Die Christianisierung der Sami durch den Schwedenkönig ist in grauer Vorzeit ist immer wieder brutal durchgezogen worden, bis hin zu Tötungen von Sami, die einfach nur ihre Schamanentrommeln benutzt haben.

Überhaupt bekommt mein wunderbares Schwedenbild Stück für Stück ein paar Risse. Nicht nur, dass mit der Umwelt – zumindest im hohen Norden des Landes – wenig nachhaltig umgegangen wird (irgendwann ist für die IKEA-Möbel nicht mehr viel Holz da und der Schweden-Lachs wird Geschichte sein), sondern auch der viel gelobte Konsens im Zusammenleben der Menschen stellt sich bei näherer Betrachtung eher als eine Folge der Jantelage heraus. Wir erfahren dies von Bettina, einer Deutschen, die hier oberhalb des Polarkreises lebt. Jantelage ist eine Art ungeschriebenes Gesetz für die Skandinavier. Hiernach ist es u. a. wichtig, sich nicht aus der Gemeinschaft herauszuheben oder hervorzutun, sich als etwas anderes oder besseres zu fühlen u. v. a. m. Jede Art von Individualismus ist wenig willkommen. Was auf den ersten Blick vielleicht irgendwie sinnvoll erscheint, wird zu einer echten Last, wenn neue, andere Ideen die Welt der Skandinavier zu erobern suchen und wenn Konflikte auftauchen. Die Folgen sind Mittelmäßigkeit (sicher auf einem hohen Niveau) und Konfliktvermeidung. Das Neue und Andere hat es hier schwer.

Unseren deutschen Heile-Welt-Blick auf Schweden bezeichnet Bettina übrigens als „Büllerbü- Syndrom“ (nachzulesen bei Wikipedia). 😀

Aber wie dem auch sei: Wir lernen ausnahmslos hilfsbereite und gastfreundliche Schweden kennen: Schweden, die mit uns über dem offenen Feuer auf dem See Würstchen grillen; die mit uns in wahnsinniger Geschwindigkeit mit dem Snowmobil durch die Wälder jagen; die uns Laien geduldig alle Fragen über Elche und Rentiere beantworten; Schweden, die hier einfach zu Hause sind, in dieser unendlichen Weite und die Einsamkeit in der Wildnis lieben, so wie Hempa aus unserem Rescue-Team. Ca. 100 Tage im Jahr verbringt er dort, allein mit den Tieren und wahrscheinlich auf Du und Du mit den Bären, von denen er bereits sieben erlegt hat. Hempa ringt uns sofort allen Respekt ab, wie er in der Eiseskälte mit einfacher Kleidung, scheinbar nie frierend, nur ergänzt durch seine Wolfsfellmütze und die Robbenfellhandschuhe, lässig stundenlang – stets mit dem Jagdmesser am Gürtel – auf dem See und in den Wäldern unterwegs ist oder das Snowmobil auf nur einem Ski sliden lässt. Wow! Es lässt sich hier aushalten 🙂

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